Stellungnahme der AES zum Thema Ehrenamtlichkeit
Ehrenamtliches Engagement Jugendlicher und junger Erwachsener scheint seltener zu werden. Viele Bereiche der Jugendarbeit innerhalb und außerhalb der Kirche beklagen sinkende Teilnehmendenzahlen bei Maßnahmen für Jugendliche, die im Gegensatz zu deren wachsenden Ansprüchen stehen. Dieses Phänomen wird überall diskutiert, zahlreiche Studien werden in Auftrag gegeben und die Erklärungsversuche sind vielseitig. Als Ursachen werden gesellschaftliche Veränderungen wie Leistungsorientierung und berufliche Unsicherheit identifiziert. Lösungsansätze bleiben dabei jedoch häufig auf der Strecke.
Als haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende der AES fragen wir uns nicht nur, wie sich die Gesellschaft verändert hat. Wir fragen uns, wie die Strukturen und Rahmenbedingungen ehrenamtlichen Engagements verbessert werden können, damit sich Jugendliche und junge Erwachsene auch in Zukunft im Rahmen einer ehrenamtlichen Tätigkeit ausprobieren und verwirklichen können.
Die Auseinandersetzung mit theologischen Fragestellungen Jugendlicher und junger Erwachsener ist der Kern der kirchlichen Jugendarbeit. Allzu oft bekommen sie jedoch Antworten statt Denkanstößen. Doch Ehrenamtliche wollen nicht nur Fragen stellen, sondern sich ihren Fragen auch selbst stellen.
Die evangelische Kirche darf sich nicht vor Fragen fürchten und muss jungen Ehrenamtlichen neben pädagogischen Mitarbeitenden Theologinnen und Theologen zur Seite stellt, die eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Glaube und Kirche ermöglichen.
Ehrenamtliches Engagement braucht offene und zugleich geschützte Freiräume. Komplizierte Finanzierungsmodelle, langfristige Planung und starre Strukturen behindern Ehrenamtliche dabei, eigene Initiativen, Projekte und inhaltliche Positionen zu entwickeln. Grundlage der Eigeninitiative von jungen Ehrenamtlichen ist das Vertrauen in ihre Fähigkeit, Freiräume sinnvoll zu nutzen.
Ehrenamtliche brauchen flexible Haushaltsstrukturen. Langfristige Projektplanungen und komplizierte Antragsstellung erschweren es jungen Menschen über Gebühr, Projekte aus eigener Kraft zu planen und durchzuführen.
Ehrenamtliche brauchen Unterstützung. Wenn hauptamtliche Stellen immer weiter gekürzt und Dienstpläne immer voller werden, bleibt in der Arbeit mit jungen Menschen keine Zeit, auf individuelle Wünsche und Bedürfnisse junger Ehrenamtlicher einzugehen.
Ehrenamtliche brauchen strukturelle Freiräume, die ihnen vertrauensvoll zur Verfügung gestellt werden, damit sie sie in eigener Verantwortung beleben können.
Partizipation und Mitbestimmung bilden die Grundlage für ein funktionierendes demokratisches System. In diesem Sinne werden ehrenamtliche Jugendliche und junge Erwachsene zunehmend an Entscheidungsprozessen beteiligt. Allerdings sind Be-TEIL-igung und MIT-Bestimmung keine Garanten für gleichberechtigtes Agieren. Wenn Jugendliche nur mit bestimmen, wer bestimmt dann eigentlich?
Junge Ehrenamtliche müssen ernst genommen und nicht nur beteiligt werden. Gleichberechtigte Leitung braucht...
- transparente Organisationsstrukturen, die verständlich und zugleich vielfältig sind.
Vereinfachung bedeutet nicht Vereinheitlichung, wie sie vor allem im Rahmen von Sparmaßnahmen im kirchlichen Feld häufig praktiziert wird. - Leitungsstrukturen, die an die spezifischen Bedürfnisse von Ehrenamtlichen angepasst sind.
Zunehmende Professionalisierung und übereffiziente Gestaltung von Gremienarbeit auf allen Handlungsebenen verhindert, dass Ehrenamtliche sich auch gegen Widerstände behaupten und durchsetzen können.
In den letzten Jahrzehnten ist der Leistungsdruck an Schulen und Hochschulen erheblich gestiegen. Auch in der betrieblichen Ausbildung werden Engagement und Einsatzbereitschaft in einem Maße gefordert, das nur wenig Zeit übrig lässt. Diese immer knapper bemessene Freizeit bildet den Ausgleich zu Schule, Ausbildung oder Studium und soll als solche in erster Linie zu Entspannung und Nichts-Tun dienen.
Auch Studiengebühren sind ehrenamtsfeindlich. Neben wachsenden Studienanforderungen müssen Studierende zusätzlich Geld für den Lebensunterhalt verdienen und außerdem für die Studiengebühren aufkommen. Daneben bleibt kaum Zeit, schon gar nicht für längerfristiges ehrenamtliches Engagement.
Mit Unterstützung der Kultusministerien müssen Möglichkeiten zur Anerkennung von ehrenamtlichem Engagement in Schulen, Hochschulen und Ausbildungsbetrieben geschaffen werden, die Jugendliche und junge Erwachsene ehrlich entlasten und ihr Engagement nicht nur ermöglichen, sondern honorieren.
In der Schule:
Ehrenamtliche Tätigkeiten verbinden soziales und inhaltsbezogenes Lernen. In diesem Sinne müssen sie in den Kanon schulischer Aufgaben aufgenommen werden. So kann z.B. die Organisation einer SchülerInnentagung oder einer Schulung als Äquivalent zu einer Fach- oder Seminararbeit angerechnet werden.
Gerade mit Blick auf die Entwicklung hin zu verschiedenen Modellen der Ganztagsschule in Deutschland wird es immer wichtiger, dass Schülerinnen und Schüler sich von der Anwesenheitspflicht befreien lassen können, um sich außerhalb der Schule engagieren zu können.
In der Hochschule:
In den meisten Studiengängen wurde vor allem seit der Umstellung der Studienordnungen auf Bachelor / Master Abschlüsse eine Anwesenheitspflicht für Veranstaltungen eingeführt, die ehrenamtliche Tätigkeiten innerhalb und außerhalb der Hochschulen wesentlich erschwert oder sogar unmöglich macht. Auch hier müssen Möglichkeiten zur nachteilsfreien Freistellung geschaffen werden.
In Ausbildung und Beruf / in beruflichen Schulen:
In allen deutschen Bundesländern gibt es Möglichkeiten zur Genehmigung eines Sonderurlaubs, der Engagement außerhalb der beruflichen Tätigkeit begünstigt. Allerdings sind die entsprechenden Bestimmungen wenig transparent und durch langwierige Genehmigungsverfahren nicht planbar. Es muss gewährleistet werden, dass Sonderurlaub als legitime Maßnahme bekannt gemacht wird, dass die Bestimmungen transparent und verhältnismäßig sind und dass ein Sonderurlaub keine persönlichen Nachteile für den oder die Ehrenamtlichen gegenüber dem Arbeitgeber bedeutet.
